Der Untergang des Hauses Usher

Das Hörspiel "Der Untergang des Hauses Usher" ist Folge 11 der Reihe "Gruselkabinett".

Stab und Besetzung

Der Untergang des Hauses Usher. D 2006. Länge: 61:36 Min. (13 Tracks). Produktion: Titania Medien. Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe. Buch: Marc Gruppe (nach der Erzählung von Edgar Allan Poe). Sprecher: Oliver Feld (Philipp Belfield), Tobias Kluckert (Roderich Usher), Claudia Urbschat-Mingues (Madeline Usher), Kaspar Eichel (Briggs). ISBN: 978-3-7857-3250-2.

Kurzinhalt (Klappentext)

In der Umgebung von Baltimore 1845: Philipp Belfield reist, durch einen Brief seines Jugendfreundes Roderick alarmiert, auf den abgelegenen, inmitten von Sumpfland errichteten Stammsitz der Familie Usher. Ein drohendes Unheil scheint über dem alten Gemäuer zu schweben, denn Roderick Usher, der letzte Spross der alten Familie, ist von einer seltsamen Krankheit gezeichnet ...

Trackliste

  1. Das Haus Usher (04:09)
  2. Ort der Stille (05:51)
  3. Geheimnisvolle Worte (05:05)
  4. Familienübel (09:19)
  5. Sorge um Madeline (02:56)
  6. Unruhiger Schlaf (02:58)
  7. Blick in den Abgrund (04:11)
  8. Erschütternde Wahrheit (05:29)
  9. Verloschen (03:07)
  10. Die Beisetzung (04:39)
  11. Tage der Trauer (03:01)
  12. Sturmnacht (05:20)
  13. Im Auge des Orkans (05:28)

Cover

Der Untergang des Hauses Usher (Bildnachweis: Titania Medien)
© Titania Medien

Meine Wertung

Eine der besten Folgen der Reihe! Das Hörspiel, das mit nur vier Sprechrollen auskommt, konzentriert sich - der literarischen Vorlage gemäß - weitgehend auf Gespräche zwischen Philipp Belfield (Oliver Feld) und Roderich Usher (Tobias Kluckert). Die Inszenierung schafft eine kammerspielartige (das meine ich hier positiv) und beklemmende Atmosphäre, die den Wahnsinn Ushers spürbar macht.

Literarische Vorlage

Die erste und bisher einzige Poe-Adaption im Rahmen der "Gruselkabinett"-Reihe.

Das Hörspiel basiert auf der Erzählung "The Fall of the House of Usher" des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe (1809-1849), die erstmals 1839 veröffentlicht wurde. Als Hörspiel wurde die Geschichte bereits in der dritten Folge der Serie "Edgar Allan Poe" (Lübbe Audio) adaptiert.

Übersetzungen

"An einem düsteren, trüben und stillen Herbsttag, an dem die Wolken tief und schwer am Himmel hingen, war ich bereits seit etlichen Stunden durch eine eigenartig trostlos aussehende Landschaft geritten, als ich endlich das Ziel meiner Reise erblickte, den Stammsitz der Familie Usher. Einsam erhoben sich seine hohen Mauern aus dem Dunst, der in unförmigen Schaden in der Luft hing." (Beginn des Hörspiels)

Wie unterschiedlich Übersetzungen sein können, verdeutlicht folgender Vergleich des Anfangs der Erzählung, zunächst im amerikanischen Original, dann gefolgt von den Übersetzungen von Hedda Eulenberg (1901) und Arno Schmidt (1966), dem ich IMHO den Vorzug gebe. (Schmidts Übersetzung ist auch Grundlage der Lesung von Ernst Jacobi.) Doch urteilen Sie selbst:

"During the whole of a dull, dark, and soundless day in the autumn of the year, when the clouds hung oppressively low in the heavens, I had been passing alone, on horseback, through a singularly dreary tract of country; and at length found myself, as the shades of the evening drew on, within view of the melancholy House of Usher. I know not how it was; but, with the first glimpse of the building, a sense of insufferable gloom pervaded my spirit. I say insufferable; for the feeling was unrelieved by any of that half-pleasurable, because poetic, sentiment, with which the mind usually receives even the sternest natural images of the desolate or terrible. I looked upon the scene before me - upon the mere house, and the simple landscape features of the domain - upon the bleak walls - upon the vacant eye-like windows - upon a few rank sedges - and upon a few white trunks of decayed trees - with an utter depression of soul which I can compare to no earthly sensation more properly than to the after-dream of the reveler upon opium - the bitter lapse into every-day life - the hideous dropping off of the veil. There was an iciness, a sinking, a sickening of the heart - an unredeemed dreariness of thought which no goading of the imagination could torture into aught of the sublime. What was it - I paused to think - what was it that so unnerved me in the contemplation of the House of Usher? ..."

Übersetzung von Arno Schmidt (1966):

Einen geschlagenen Tag lang, starr, trüb, tonlos & tief im Herbste des Jahres, war ich allein, zu Pferde, unter dem bedrückend lastenden Wolkenhimmel, durch einen ungewöhnlich öden Strich Landes dahingeritten; und fand mich endlich, da die Schatten des Abends sich anschickten heraufzuziehen, angesichts des melancholischen Hauses Ascher. Ich weiß nicht, wie es geschah - aber beim ersten flüchtigen Anblick des Baues beschlich ein Gefühl unleidlicher Düsternis meinen Geist. Ich muß "unleidlich" sagen; denn der Eindruck wurde durch keine jener halb-angenehmen, weil immerhin poetischen, Empfindungen gemildert, mit denen das Gemüt normalerweise selbst die ernstesten Naturbilder von Verlassenheit und Grauen akzeptiert. Ich blickte auf die Szene vor mir – das Gebäude selbst, und die kargen Linienzüge der zugehörigen liegenden Gründe – auf die unwirtlichen Mauern – die blicklosen Fensteraugen – ein paar geile Binsenbüschel – die wenigen bleichen Rümpfe verstorbener Bäume – und eine solche Verödung der Seele überkam mich, daß ich kein irdisches Gefühl passender damit vergleichen kann, als den Traumrückstand des Opiumsüchtigen – das bittere Abgleiten in Nüchternheit & Alltag – die scheulich-schlimme Entschleierung. Etwas fein Eisiges stellte sich ein, vor dem das Herz sank und verelendete, eine durch nichts einzulösende Gedankentrübsal, die kein Anspornen der Fantasie zu etwas dem Erhabenen Ähnlichen hin zwingen konnte. Was war es nur – und ich verhielt grübelnder – was machte mich eigentlich so wehrlos-nervös beim Betrachten dieses Hauses Ascher? [...]

Übersetzung von Hedda Eulenberg (1901):

An einem dunklen, stummen Herbsttage, an dem die Wolken tief und schwer fast bis zur Erde herabhingen, war ich lange Zeit durch eine eigentümlich trübe Gegend geritten und sah endlich, als sich schon die Abendschatten niedersenkten, das Stammhaus der Familie Usher vor mir. Ich weiß nicht, wie es kam – gleich beim ersten Anblick der Mauern breitete sich eine unerträgliche Düsterkeit über meine Seele. Ich sage eine unerträgliche Düsterkeit, weil sie keinen Augenblick lang durch jene beinah angenehme Empfindung gemildert wurde, mit der das Gemüt eines Menschen, der die Dinge künstlerisch schaut, selbst die wüstesten Bilder der Verödung und des Schreckens in sich aufzunehmen pflegt. Ich betrachtete das vor mir liegende Gebäude mit seiner einfachen landschaftlichen Umgebung – die frostigen Mauern, die leeren Fensterhöhlen, die wie erloschene Augen starrten, ein paar Büschel steifer Binsen, ein paar weißlich schimmernde Stämme verdorrender Bäume – mit einem Gefühl so tiefer Niedergeschlagenheit, dass ich sie mit keiner anderen Stimmung auf dieser Welt vergleichen könnte als mit dem trostlosen Erwachen des Opiumessers aus seinem Rausche, mit dem scheußlichen Augenblick, wenn der schimmernde Schleier langsam zerreißt und die Alltagswelt wieder grau und frostig dasteht. Öde, versunkene Trauer lag über dem Stammsitz und teilte sich mir mit: Eine müde Melancholie glitt in mich hinein und ließ kein fantastisches Bild in mir aufleben. Was mochte es sein – ich hielt mein Pferd an, um darüber nachzudenken –, was mochte es sein, das mich bei der Betrachtung des Hauses Usher mit so entnervender Macht anfiel? [...] (Geschichten des Grauens, Lübbe 2003, S. 61-62)

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