Georg Greflinger (1620-1677)

An seine Liebste um einen Kuß

Dein Küssen ist so süß, mein Lieb,
Daß ich es leichtlich nicht kann missen.
So gib dann deine Lippen, gib,
Und laß uns, weil es sein kann, küssen.

Es ist ja alle Lust dahin,
Wann uns die Jugend ist entgangen,
So welken Mund und Mut und Sinn,
So falten sich die glatten Wangen.

So laß dann nun so ungeküßt,
Mein Licht, die Blüte nicht entgehen,
Gott weiß es, ob du abends bist,
Was man dich diesen Tag kann sehen.

Gib einen Kuß, weißt, was ich will,
Ich will dich tausendmal beküssen,
Ist's nicht genug, noch eins so viel,
Und sollt ich Tag und Nacht mit schlüssen.

Du weißt, das Küssen flecket nicht,
O sollte dich ein Kuß beflecken,
So hättest du, mein helles Licht,
Dein Antlitz längsten müssen decken.

So gib nun deine Lippen, gib,
Und laß mich deinen Kuß nicht missen,
Mein Seelichen, mein Schatz, mein Lieb,
Komm, laß uns, weil es sein kann, küssen.


Dieses Gedicht finden Sie z.B. in folgenden Anthologien: Arnold 1970, S. 50f; Arnold 1991, S. 84.

[Zurück zum Inhaltsverzeichnis]