Eduard Mörike (1804-1875)

Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb! So ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist ein Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr,
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb, die Lieb hat alle Stund
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küßten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh,
Wie's Lämmlein unterm Messer;
Ihr Auge bat: nur immer zu,
Je weher, desto besser!

So ist die Lieb, und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.


Dieses Gedicht finden Sie z.B. in folgenden Anthologien: Arnold 1970, S. 175; Arnold 1991, S. 249; Best 2002, S. 42; Koranyi 1991, S. 15; Mauer 1998, S. 97f; Strich 1984, S. 132f; Wagener 1982, S. 203.

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