Christian Morgenstern (1871-1914)

[Wenn Cyrano des Kusses Süße singt]

Wenn Cyrano des Kusses Süße singt,
so war es nur, weil ihn ein Kuß beglückte;
vergeblich glaubst du, daß es dem gelingt,
den liebe Lippe nicht zuvor entzückte;
erst wessen Herz dies süße Gift durchdringt,
er redet, ein Entrückter für Entrückte,
erst wer die roten Lebensrosen pflückte,
schlingt Kränze, wie man sie für ewig schlingt.

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Hintergrund:

Das Gedicht verweist natürlich auf das Theaterstück Cyrano de Bergerac (1897) von Edmond Rostand (1868-1918). Zu Beginn des dritten Aktes gibt es die wunderbare Balkonszene "Roxanes Kuss". Hier nur ein kleiner Auszug:

© absolut Medien

Wird man durch einen Kuß zum Diebe?
Er ist ein trauliches Gelübde nur,
Ein zart Bekenntnis, ein gehauchter Schwur,
Ein Rosenpünktchen auf dem i der Liebe;
Ein Wunsch, dem Mund gebeichtet, statt dem Ohr,
Ein liebliches Geräusch wie Bienensummen,
Ein Traum der Ewigkeit, ein duftiges Verstummen.
Die Seele schwebt zum Lippenrand empor
Und gibt sich als ein süßes Naschwerk hin.

Vielleicht kennen Sie die wunderbare Verfilmung von Jean-Paul Rappeneau (1990) mit Gérard Depardieu? Rostands Stück wurde aber auch schon in der Stummfilmzeit von Augusto Genina (1923) adaptiert.

Webtipps:

Weitere Gedichte von Christian Morgenstern finden Sie auf der Website Digitales Christian-Morgenstern-Archiv (DCMA), ein privates Liebhaber-Projekt von Uwe Schleicher.

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