Robert Prutz (1816-1872)

Du fragst, wozu das Küssen tauge?

Buch der Liebe
Buch der Liebe (1869)

Du fragst, wozu das Küssen tauge,
Und was es eigentlich will sagen?
Um sich zu blicken Aug' in Auge,
Und Seel' um Seele zu befragen.

Wenn Auge sich in Auge spiegelt
Und sich zu Seele Seele findet,
Dann wird im Kusse rasch besiegelt,
Was treue Herzen ewig bindet.

Drum willst du je dich küssend neigen,
So giebt es Eines, das bedenke:
Daß leis in andachtvollem Schweigen
Auch Seele sie in Seele senke.

Wo nur die Lippen sich berühren,
Da wirst du bald verschmachten müssen;
Der Liebe Wonnen ganz zu spüren,
O lerne mit der Seele küssen!

Quelle: Prutz, Robert (1869). Buch der Liebe. Leipzig: Ernst Keil, S. 216.

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Liebesuhr

Buch der Liebe
Buch der Liebe (1869)

Wann ist zum Küssen die rechte Stunde?
Wenn der Morgen, von purpurnen Wolken bedeckt,
Sich hebt aus dämmerndem Sunde,
Dann rasch die Geliebte mit Küssen geweckt,
Dann koste, wie süß solch Morgenbrot schmeckt
Von dem rosig knospenden Munde!

Wann ist zum Küssen die rechte Stunde?
Wenn der Mittag auf dampfenden Feldern ruht,
Die Sonne brennt in der Runde,
Dann rücke du näher, dann liebt es sich gut,
Dann kühle mit Küssen das schäumende Blut
In der heißen, der lässigen Stunde.

Wann ist zum Küssen die rechte Stunde?
Wenn der Abend von blühenden Zweigen thaut,
Die Nachtigall flötet im Grunde,
Dann hältst du im Arme die schüchterne Braut,
Dann kost es, dann küßt sich's noch einmal so traut
In wonniger Dämmerstunde.

Wann ist zum Küssen die rechte Stunde?
Wenn die Sterne erglänzen in nächtlicher Pracht,
Mit dem Mond, dem getreuen, im Bunde;
O liebliches Dunkel, o selige Nacht!
Nichts rührt sich, nichts regt sich, die Liebe nur wacht,
Die Sterne machen die Runde.

Dann ist zum Küssen die rechte Stunde,
Wenn das Herz dich treibt, wenn die Sehnsucht glüht
Auf dem lieblich schwellenden Munde;
So liebe und küsse mit frohem Gemüth,
So lange das Leben, das goldne, dir blüht,
Es enteilet die flüchtige Stunde!

Quelle: Prutz, Robert (1869). Buch der Liebe. Leipzig: Ernst Keil, S. 214-215.

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Unersättlich

Buch der Liebe
Buch der Liebe (1869)

Warum dein Kuß, so warm, so süß,
Doch meiner Seele Durst nicht stillt?
Weil immer neu der Liebe Born
Mir aus der tiefsten Seele quillt;

Weil unter meines Kusses Glut
Stets ros'ger deine Lippe blüht,
Dein Auge mir, dein lächelndes,
Stets leuchtender entgegen sprüht.

So zündet Stern an Stern sich an
Am Himmelsdom in nächt'ger Zeit,
Und brausend gießt dir in das Herz
Sich flammende Unendlichkeit.

Quelle: Prutz, Robert (1869). Buch der Liebe. Leipzig: Ernst Keil, S. 193.

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Ungeküsste Küsse

Buch der Liebe
Buch der Liebe (1869)

Ach, ihr ungeküßten Küsse,
Meiner Sehnsucht Traumgedanken,
Die gleich halb erschlossnen Knospen,
Gleich dem Wehn der Morgenröthe,
Das dem jungen Tag vorangeht,
Ihr die Lippe mir umfächelt;
Saget doch, wann kommt die Stunde,
Die verschwiegne, mitternächt'ge,
Da der Glutkelch eurer Wonnen,
Flammensprühend, lebenspendend,
Sich erschließt dem durst'gen Munde?
Immer jetzt, wohin ich schaue
Und wohin mein Fuß sich wendet,
In des Marktes rohem Lärmen,
In des Stübchens trauter Stille,
Immer seh' und überall ich,
Jungen Rosen gleich im Dickicht,
Zwei geliebte Lippen glühen,
Sehe, Sternen gleich am Himmel,
Leuchten zweeen holde Augen,
Fühl' den Athem meiner Süßen,
Wie er, keusch gleich Kinderathem
Und so frisch wie Thau des Morgens,
Der auf Rosenblättern glitzert,
Flammensprühend, lebenspendend,
Durch die Adern mir, die trunknen,
Durch die Seele sich ergießt!

Liebe, böse, arme Küsse,
Die ihr schwebt gleich irren Schatten,
Denen strenger Götter Ausspruch
Eine Seele hat verweigert,
Daß sie flattern, daß sie fliegen,
Halben Flugs, mit schwerem Fittich,
Und dann still, mit leisem Girren,
In die leere Luft zerrinnen -
Laßt mich los, ihr holden Schatten!
Gebt mich frei, ihr süßen Träume!
Schwere Tage, bange Nächte
Bringt ihr flücht'gen mir getragen;
Ach ihr stört der Seele Frieden,
Meine Ruhe mordet ihr!

Sitz' ich einsam, still verschlossen,
Zwischen Büchern und Scripturen,
Meines Herzens Brand zu löschen
In der Weisheit kaltem Bade
Und mit Bücherstaub, dem garst'gen,
Meiner Seele Glut zu dämpfen:
In den Büchern, den Scripturen,
Horch, was fängt sich an zu rühren?
Durch die alten Pergamente,
Die vergilbten, moderduft'gen,
Geht ein Wehen, geht ein Flüstern,
Gleich dem Wehen warmer Lippen,
Wenn sie leis zum Kuß sich neigen;
Ach und aus verblichnen Lettern,
Sinnbethörend, herzverstrickend,
Lacht der Liebsten Bild mich an!

Nein, das mag ein Andrer tragen!
Auf, hinaus! und rasch ins Freie,
Wo Natur, die ewig milde,
Leis mit mütterlichen Händen
Balsam gießt in meine Wunde!
Sei gegrüßt, du blauer Himmel!
Seid gegrüßt, ihr grünen Bäume!
Ja, hier wird mein Herz genesen -
Nein, auch hier nicht! Mitverschworen
Ist Natur, die ewig milde!
Seh' ich wo zwei Blumen schwanken,
Festgerankt an einem Stengel,
In der Abendluft sich wiegend,
Muß ich denken an die Lippen,
Die im Kusse sich begegnen;
Vögel, die im Nest sich schnäbeln,
Schmetterlinge, die sich haschen,
Kleine Käfer, goldig schimmernd,
Die sich suchen, die sich finden
In der Erde dunkeln Gängen
Alles, alles weckt aufs neue
Meiner Sehnsucht Traumgedanken!
Küsse haucht der Kelch der Rose,
Küsse schmelzen in dem Liede
Schwermuthvoller Nachtigallen,
In den Zweigen rauschen Küsse,
Küsse wehen in den Lüften,
Ja, die Sonne selbst, die ew'ge,
Wie sie prächtig, purpurstrahlend,
In des Meeres Schoß hinabsteigt,
Ist ein Gleichniß meiner Schmerzen,
Meines Glückes, meiner Qual!

Und sie ist hinab gestiegen;
Holde Nacht, o sei willkommen!
Mit den mohnbeträuften Fingern
Kühle du die heißen Schläfen,
Seliges Vergessen flöße
In die Seele mir, die wilde,
Daß ich ruhe bis zum Morgen,
Ohne Sehnsucht, träumelos!

Aber wie ich harrend liege,
Auf der Diele, horch, was knistert,
An der Thüre, horch, was raschelt?
Aufrecht sitz' ich in dem Bette,
Und auf zierlich leiser Zehe
Näher jetzt und immer näher
Kommt's gegangen, kommt's geschlichen,
An des Lagers Falten streift es,
Und mit duftig weicher Locke,
Ueber mich hinab gebogen,
Weht's mich an wie Liebesathem;
Hell durch nächt'ge Finsternisse
Weiße Schultern seh' ich leuchten,
Seh' geliebte Augen funkeln,
Mild und klar, in süßen Gluten,
Und in flammenheißem Kusse
Senkt auf Lippe Lippe sich ....

Laßt mich los, ihr holden Schatten!
Gebt mich frei, ihr süßen Träume!
Schwere Tage, bange Nächte
Bringt ihr flücht'gen mir getragen;
Ach ihr stört der Seele Frieden,
Meine Ruhe mordet ihr!

Aber nein, ich lieb' euch dennoch!
Bleibet bei mir, schmiegt euch dichter
An die Seele mir, die wunde,
Meiner Sehnsucht Traumgedanken,
Arme, ungeküßte Küsse!
Durch des Lebens Dornenwüste,
In des Marktes rohem Lärmen,
In des Stübchens trauter Stille,
Bleibt mein tröstendes Geleite!
Schmerzen schafft ihr mir und Qualen,
Doch ich liebe diese Schmerzen
Und ich segne diese Qualen.
Immer ist's ein Glück, zu lieben;
Kann ich nicht der Liebe Wonnen,
Will ich doch ihr Wehe kosten.
Harre nur, bald naht die Stunde!
Einmal öffnet sich die Knospe,
Einmal singt auch dir das Brautlied
Nachtigall aus duft'gen Zweigen!
Ja, schon dämmern leise Schatten,
Und wie Götter ungesehen
In der Menschen Kreise treten,
Also naht sich, still und heimlich
Naht die Stunde sich, die süße,
Der mein Herz entgegenschmachtet!
Treue Sterne führen sicher
An die Brust mich der Geliebten
Ha, schon fühl' ich ihre Nähe,
Weiche Hände, schlanke Arme
Fühl' ich zärtlich mich umranken,
Heißer duftet, wonnevoller
Mir der Liebsten Mund entgegen,
Und von all den Millionen,
Millionmal Millionen
Langer, heißer, sel'ger Küsse,
Die gleich halberschlossnen Knospen
Mir die durst'ge Lippe fächeln,
Sinnbethörend, herzverstrickend,
Bleibt nicht Einer ungeküßt!

Quelle: Prutz, Robert (1869). Buch der Liebe. Leipzig: Ernst Keil, S. 217-223.

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