Joseph Victor von Scheffel (1826-1886)

Warum küssen sich die Menschen?

Und sie flog in seine Arme,
Und sie hing an seinen Lippen,
Und es flammte drauf der erste
Schwere, süße Kuß der Liebe.
Purpurgolden durch der dunkeln
Bäume Wipfel fiel der Sonne
Streiflicht auf zwei sel'ge Menschen,
Auf jung Werners blasses Antlitz,
Auf die holderglühte Jungfrau.

(...)

Dort an der Terrasse Stufen
Lag der würd'ge Hiddigeigei.
Mit gerechtem Staunen sah er,
Wie die Herrin dem Trompeter
In den Arm flog und ihn küßte.
Murrend sprach er zu sich selber:
"Manch ein schwer Problema hab' ich
Prüfend in dem Katerherzen
Schon erwogen und ergründet,
Aber eins bleibt ungelöst mir,
Ungelöst und unbegriffen:
Warum küssen sich die Menschen?
's ist nicht Haß, sie beißen sich nicht,
Hunger nicht, sie fressen sich nicht,
's kann auch kein zweckloser blinder
Unverstand sein, denn sie sind sonst
Klug und selbstbewußt im Handeln;
Warum also, frag' umsonst ich,
Warum küssen sich die Menschen;
Warum meistens nur die jüngern?
Warum diese meist im Frühling?
über diese Punkte werd' ich
Morgens auf des Daches Giebel
Etwas näher meditieren."


Diesen Text finden Sie z.B. in folgender Anthologie: Mauer 1998, S. 37f.

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